Biedenkopfer Grenzgangsbriefe vom Jahre 1907

Heinzerling’sche Buchdruckerei, Biedenkopf


Der Autor ist anonym.

I.

Biedenkopf, 14. Aug. 07.

Lieber Freund!

Diese ersten Zeilen schreibe ich unter dem erhebenden Eindruck der festlichen Vorbereitungen, die man hier trifft, um den kommenden Tagen äußerlich ein würdiges Gepräge zu geben. Die Stadt ist herrlich geschmückt, wohl kein Häuschen ist zu entdecken, an dem nicht wenigstens einige Fichtenzweige oder ein paar bescheidene Kränzchen befestigt sind, um zu zeigen, daß der Bewohner an dem Feste seiner Vaterstadt herzlichen Anteil nimmt. Schier unzählig aber sind die Fahnen und Wimpeln, die im Vereine mit duftenden Guirlanden aus Tannengrün den Straßen und Plätzen ein so großartiges Festgewand verleihen. Imposante Ehrenpforten schmücken die Straßeneingänge. Ueberall fallen die frischgeputzten Fassaden auf, und ich gehe sicher nicht zu weit, wenn ich die Zahl der Häuser, an denen die Anstreicher tätig gewesen, auf hundert schätze. Ueber dem ganzen Städtchen ruht Festesstimmung, die Bewohner freuen sich tatsächlich auf die bevorstehenden Tage, und an dieser Freude merkt man, daß es mit dem Granzgangsfeste doch seine eigne Bewandnis hat. Es ist nicht ein Juxfest wie so viele, so ohne jeden Hintergrund und tiefere Bedeutung, nein, dieses Grenzgangsfest hat doch einen höheren Wert und schon sein ehrwürdiges Alter sichert ihm eine Daseinsberechtigung, die ihm Niemand nehmen kann. Als alter Biedenköpfer kennst Du seine Vorgeschichte und Du weißt auch, mit welcher Liebe der Hinterländer Kreisstädter an seinem Grenzgang hängt, mit welcher Achtung er von ihm spricht und Du wirst Dir daher wohl denken können, daß auch in diesem Jahre die Flamme der Begeisterung hoch schlägt. Wie die Alten gesungen, so zwitschern die Jungen! Und wenn mancherlei, was diese tun, dem Alter nicht so ganz verständig scheinen, wenn es den Uebermut nicht begreifen will, mit dem das junge Volk die Vorbereitungen zum Feste begleitet, so mag eben der veränderte Gesichtswinkel daran schuld sein, unter dem der Mensch in vorgerückteren Jahren das Leben und Treiben der heranwachsenden Generation betrachtet. Gewiß: keine Regel ohne Ausnahme, aber im großen und ganzen läßt sich von all den Sitzungen, die Männer und Burschen abgehalten haben, auch diesmal wieder sagen, daß sie einmütig, und ohne Mißklang verlaufen sind, und wenn die Teilnehmer hin und wieder etwas ausgelassener waren, als Bürger mit ernsten Lebensanschauungen es vertragen können, so mag man sich damit trösten, daß nur alle sieben Jahre Grenzgang ist. – Aus dem Festprogramm, das ich Dir zukommen ließ, hast Du ersehen, daß das Fest sich wieder so ziemlich im Rahmen des Hergebrachten halten soll. Daß es zur Veranstaltung einer solchen historischen Feier wieder vieler Arbeit und Mühe, vieler langatmiger Vorberatungen bedurfte, wirst Du begreifen und aus eigner Erfahrung wissen. Das Zwölfmännerkomitee hatte alle Hände voll zu tun und auch die Tagungen der Männergesellschaften und der Burschenschaften waren vonnöten, um alles in die richtigen Bahnen zu lenken, ganz besonders aber, um zu „trainieren“ und sich nach und nach in die erforderliche Grenzgangsstimmung hineinzuleben. Das Freibier spielte natürlich dabei eine Hauptrolle und die Mengen, die zur Verfügung standen und noch stehen, lassen einen Schluß auf die guten Zeiten zu, in denen wir leben. Man erzählt sich, daß eine der größeren Burschenschaften schon in den ersten Tagen ihres Bestehens etwa 2000 Liter Freibier zu verzeichnen hatte. Aber nicht bei Freibier ist es diesmal verblieben, auch Freikaffee hat es gegeben, den sich die Damen einer der größeren Straßen leisteten. – Mit den Wahlen des Männerobersten sowohl als auch des Burschenobersten hat man einen glücklichen Griff getan, Beide sympathische Leute aus guten, angesessenen Bürgerfamilien, ausgestattet mit echten Bürgertugenden und durchdrungen von treuer Liebe zu ihrer Heimat und deren Sitten, daneben stattliche Erscheinungen, die sich recht dazu eignen, den „Untertanen“ zu imponieren. Ich freue mich darauf sie an der Spitze der Reiterschar zu sehen, die da bestimmt ist, dem Festzuge wieder das ihm eigne schöne Bild zu verleihen.

Die Burschenschaften sind heuer ganz besonders stark. Beim Militär soll es vorkommen, daß ein Oberst zwei Burschen hat, unser Burschenoberst hat deren aber nahezu 400! Sie verteilen sich auf 7 Burschenschaften, von denen die stärkste die der Oberstadt mit rund 100 Burschen ist. Ihr folgen die Burschenschaften Karl Schmidt (der Namen „Lipserei“ wird Dir geläufiger sein), Hoffmann (auf der Bach), Adolf Schäfer-Tauwinkel, Ludwigshütte, Galgenberg und Eugen Göbel.

Die Fremdenfrequenz ist riesig. Unter die „Fremden“ begreife ich natürlich auch die vielen, vielen Angehörigen unserer Biedenköpfer. Nicht eine Familie, die nicht ihren „Besuch“ hätte. Bekannte liebe Gesichter sind darunter, aber auch Leutchen, die sich seltener sehen lassen und uns daher, wie man zu sagen pflegt, aus den Augen gewachsen sind. Auch aus der neuen Welt sind einige Familien eingetroffen, darunter ein Biedenköpfer, der seine Vaterstadt seit 45 Jahren nicht gesehen hat. Natürlich begegnet das Grenzgangsfest auch dem Interesse unserer Kurgäste, die in diesem Jahre und ungeachtet der ungünstigen Witterungsverhältnisse in so großer Zahl vorhanden sind und alle Pensionshäuser bis unter die Dächer füllen.

Was soll ich Dir nun noch alles erzählen?

Einstweilen erwarte ich mit Spannung den heutigen Abend, der uns die Vorfeier bescheeren soll. Ich zweifle nicht daran, daß er eine würdige Einleitung der festlichen Veranstaltungen sein wird und bin neugierig auf die pyrotechnischen Leistungen unsres Kaminrats, der diesmal an Stelle einer Schloßbeleuchtung eine festliche Beleuchtung des Kreiskriegerdenkmals vornehmen wird. Der Himmel ist trübe, aber Weilburg prophezeit „Fortdauer des jetzigen Witterungscharakters“. Das beruhigt mich. Morgen mehr. In Freundschaft.

Dein ***


II.

14. August, Abends 10 Uhr.

Mein Lieber!

Nun liegt die „Vorfeier“ hinter uns. Sie ist gut verlaufen und hatte, wie nicht anders zu erwarten, einen ungeheuern Menschenauflauf auf dem Markt, dem Schauplatze der beabsichtigten Denkmalbeleuchtung, verursacht. Nachdem der erste Böller vom Schloßberg den Beginn der Feier sehr vernehmbar angekündigt, zog der übliche Zapfenstreich durch das Städtchen. Dem Zeitgeiste folgend, war auch er etwas besser ausgestaltet, zu den Trommlern hatte sich eine Anzahl geschulter Pfeifer gesellt, so daß man von einem vollständigen Spielmannskorps sprechen konnte. Seine taktfesten Weisen trugen denn auch nicht unwesentlich zur Hebung der Feststimmung bei. Dann gab es Konzert „auf beiden Marktplätzen“. Du errätst, daß unter dem zweiten Marktplatz der Platz oben beim Rathaus gemeint ist, der sogenannte Oberstädter Marktplatz. Er ist zwar längst kein Marktplatz mehr, aber bei festlichen Gelegenheiten, insonderheit jedoch beim Grenzgangsfest, wollen die Oberstädter auf diesem Platze ihre Musik haben, grade so, wie sie damals ihre elektrische Bogenlampe beanspruchten. Und die Leute haben ganz recht. Also es gab Konzert auf beiden Marktplätzen. Ein herrlicher Sommerabend war’s. Und „unter den Linden“ gings recht lebhaft zu, denn hier lag der Schwerpunkt der ganzen Feier, schon deshalb, weil das Kriegerdenkmal beleuchtet werden sollte. Wie alle Beleuchtungen, die seither in den Händen unseres mit der Feuerwerkskunst so sehr vertrauten Herrn Pfeil lagen, einen vollen Erfolg zu verzeichnen hatten, so auch die heutigen Leuchteffekte auf dem Marktplatze. Sie begannen mit bengalischem Rotfeuer, das seinen wundervollen Schein auf die mosigen Grünsteinblöcke und die schon oft bewunderte Broncegruppe warf. Eine große Zahl wirkungsvoller Leuchtkugeln und anderer farbenprächtiger Feuerwerkseffekte bildete den Uebergang zum folgenden Schauspiel, einen wahrhaft feenhaften Silberwasserfall, der von der Höhe des Denkmals glitzernd herniederstürzte. Mit dieser Glanznummer und einer nochmaligen Beleuchtung des Monumentes mittelst bengalischem Grünfeuer endete die prächtige pyrotechnische Vorführung, die der Kunstfertigkeit und dem Geschmack unseres Mitbürgers Carl Pfeil I. wieder mal ein vorzügliches Zeugnis ausstellte und von der großen Menschenschaar mit lauten Beifallsrufen begleitet wurde. Nach und nach verliefen sich dann die festlich gestimmten Zuschauer und bald lag der Marktplatz in stiller nächtlicher Ruhe da. Wie wird das Wetter morgen werden? Das ist eine wichtige Frage, die viel erörtert wurde. Die „Lämmchen“ am Firmament sind so bedenklich und das Quecksilber im Thermometer beginnt langsam zu sinken. Hoffen wir dennoch das beste. Gute Nacht, mein Lieber.

Dein ***


III.

15. Aug. 1907, 2 Uhr nachm.

Lieber Freund!

Soeben komme ich zurück vom Grenzgang. Ich habe ihn mitgemacht von A bis Z und Du weißt, das ist eine nette Leistung. Bevor ich mich zum Nachmittagsfestzuge nach dem Seewasem rüste, sende ich Dir diese Zeilen, die Dich unterrichten sollen hauptsächlich von dem, was sich heute bis zu dieser Stunde zugetragen hat. Um fünf Uhr früh, die Dämmerung war kaum überstanden, fiel der erste Böller, dann Trommelschlag durch die Straßen der Stadt, auf Deutsch: Reveille. Lustiges Peitschenknallen und von 6 Uhr ab wieder Konzert auf den Marktplätzen unten und oben. Das Wetter war großartig. Von 6½ Uhr vollzog sich die Aufstellung des Festzuges in gewohnter Weise. Wer wagt zu bestreiten, daß dieser Akt wahrhaft feierlich und geradezu erhebend ist? Unvergessen bleibt er vor allem dem, der ihm als Zuschauer jemals beigewohnt und den Schneid bewundert hat, mit dem sich die Gruppierung dieses Grenzgangsfestzugs vollzog. Da gab es auch heute keinen falschen Schritt, kein unrichtiges Einschwenken oder dergleichen, auch kein hörbares Kommando, kurzum man war versucht, zu glauben, daß dieser Zugformierung eine mehrwöchige Probe vorangegangen sei. Jede Gruppe fand schnell den ihr in der Zugordnung angewiesenen Platz, sodaß das Ganze für den Zuschauer einen vollendeten Eindruck machte. Der Einzug der beiden Obersten mit ihrem glänzenden Offiziersgefolge gestaltete sich zu einem ganz besonders feierlichen Akte. Die Männerreiter trugen einheitlich grünen Hut mit weißer Feder, blaue Joppe und graues Beinkleid, dazu Schärpen blau-orange, während die berittenen Burschen mit derselben Kleidung ausgestattet waren, aber blaue Schärpen trugen. An vielen Fahnen bemerkte man kostbare neue Schleifen mit goldgestickten Widmungen, von zarter Hand herrührend. – Zehn Minuten vor 7 Uhr kommandierte der Bürgeroberst: Zug marsch! Und unter dem Takte der Musik, die natürlich den beliebten „Grenzgangsmarsch“ aufspielte – die unsterbliche Weise wird Dir von 1900 her noch in den Ohren klingen – setzte sich der imposante Zug in Bewegung. An der Spitze die männliche Schuljugend, aufwärts vom zehnten Jahre ab – ich zählte 141 Kinder – nach der ersten Musikkapelle die Sappeurs von 1894, um 13 Jahre gealtert, dann die mächtigen Beschützer der Forsten und die aufgefrischte Stadtfahne. Es folgten der Bürgeroberst nebst Adjutanten, hinter ihnen die Väter der Stadt und das Komitee, auf dem Haupte grünen Hut mit Hinterländer Adlerfeder. Und die Männer-Gesellschaften, mit ihren Offizieren und Führern. Die letzteren trugen diesmal braune Joppen, dazu blau-grüne Schärpen. Wenn ich richtig gezählt betrug die Zahl der Männer 440. Ihnen folgten, geführt von dem Burschenobersten, seinen Adjutanten und den berittenen Offizieren und Führern mit rot-weißer Schärpe, die Burschenschaften, eine schier unübersehbare Menge. Der Zug nahm seinen Weg durch die Stadtgasse, Obergasse und kehrte durch die Kottenbachstraße auf den unteren Marktplatz zurück, dort einen Halbkreis um das Denkmal bildend. Ein Trompetenruf ermahnte zur Ruhe und von der Tribüne herab richtete sodann Herr Bürgermeister Grünewald seine tief von Herzen kommende Ansprache. Er begrüßte alle Festgäste mit warm empfundenen Worten und verherrlichte das Grenzgangsfest als ein Friedens- und Heimatsfest, das sowohl im Familienleben als auch in der Gemeindeverwaltung einen Merkstein bilde. Im Familienleben habe es seit dem letzten Grenzgang ernste und heitere Tage gegeben, manchen lieben Mitbürger habe der siebenjährige Zeitraum von uns genommen, auch die Gemeinde müsse sich sagen, daß der Schritt der Zeit nicht spurlos an ihr vorübergegangen sei. Redner weist auf die Neuerungen hin, die der fortschrittliche Geist geschaffen, er preist den Frieden, unter dessen Regime die Stadt an ihrer Ausgestaltung habe arbeiten können. Mit dem Worte Friede aber verknüpfe sich der Name des Kaisers, dem schließlich das Hoch galt, das unser Stadtoberhaupt anstimmte. Begeistert nahm es die Festversammlung auf und tausendstimmig scholl es durch die klare Morgenluft. Lauter Beifall dankte dem Redner für seine Worte. Nun gings mit schmetternder Musik durch die Hainstraße gen Ludwigshütte. Hier sollen die Offiziere ein opulentes Frühstück bei dem Herrn Burschenobersten eingenommen haben. Im übrigen folgte der Grenzzug seinen vorgeschriebenen Bahnen. Auf welche Weise aber die Mehrzahl der Festesfreudigen den beschwerlichen Weg abzukürzen und sich zu erleichtern wußte, ist Dir von früheren Grenzgängen her bekannt, und daß die Bequemlichkeit, mit der man in Fuhrwerken jeglicher Art das Ziel zu erreichen zu suchen pflegt, größer geworden ist, das liegt so eben im Zug der Zeit. Wie es auf dem Frühstücksplatze zugegangen, darüber ein anderes mal. Heute nur so viel noch, daß in der dritten Nachmittagsstunde, da ich Dir diese Reihen schreibe, ein schweres Wetter herniedergeht, es regnet in Strömen, und der Donner kracht mit den Böllern, die vom Schloßberg aus zum Nachmittagszuge rufen, um die Wette. Schade um die Kinderschar, die sich so sehr gefreut hat, in geschlossenen Reihen mit auf den Seewasem ziehen zu dürfen. Mit Herz und Hand

Dein ***


IV.

15. August, abends 11 Uhr.

Lieber Freund!

Nun will ich Dir, noch ehe ich mich zur Ruhe begebe, über den Verlauf der Frühstücksfeierlichkeit auf dem Thälchens-Triesch berichten. Das allerdings ist keine leichte Aufgabe. Wie sich das Leben bei einem Grenzgangswaldfrühstück abspielt, das weißt Du von den Grenzgangsfesten her, die Du selbst mitgefeiert hast. Und wäre das nicht der Fall, so könnte ich Dir von all’ den Herrlichkeiten eines solchen Frühstücksmorgens doch keinen Begriff beibringen. So was muß miterlebt werden. Ich bin von einem Wirtsstand zum anderen, von einer Männergesellschaft zur anderen gegangen, ich habe mir die leckeren Speisen betrachtet, die die geschäftigen Wirte feilhielten, habe mir das Würstchenkochen bei offenem Feuer angesehen, mir hier und dort eine Tulpe Bier erstanden, mit lieben Mitbürgern und manchem Fremdling angestoßen und dann habe ich dem Widerhuppchen zugeschaut und mich selbst huppchen lassen. Die Wettläufer bildeten wieder ein recht schmuckes Paar und der Mohr hat von seiner Elasticität seit 1900 nichts eingebüßt. Lebhafter als je erschollen an allen Ecken und Enden die Hochrufe. Wenn auch die begeisternden Worte der Führer überall von einem gesunden Humor gewürzt waren, so läßt sich doch nicht bestreiten, daß der Führer der Bachgrund- und Bahnhofstraße hierin ganz hervorragendes leistete. Er wußte Jedem ein Verschen mit auf den Weg zu geben. Ich schicke Dir nächstens einige Proben seiner köstlichen Reime. Der Verbrauch an Bier und Eßwaren war übertrieben groß. Ein Metzger berichtete freudestrahlend, er habe schon in der ersten halben Stunde seinen Vorrat an Würstchen ca. 360 Stück ausverkauft gehabt. Mineralwasser hatten die Wirte in großen Mengen mitgebracht, aber schon bald war auch dies erfrischende Naß aufgebraucht. Köstliche Episoden spielten sich hier und dort ab, die Stimmung war einzig! Auf dem direkten Rückwege zur Stadt sollen sich vor „Frohnhäusers“ auf der Hütte komische Intermezzos verschiedener Art abgespielt haben, alte Männer, die sonst gar nicht zu den Lustigsten zählen, haben auf offener Straße miteinander Walzer getanzt. Nur als kleinen Beweis für die Stimmung bemerke ich dies. Der Grenzgang marschierte, wie ich Dir schon mitteilte, gegen 2 Uhr mittags in die Stadt ein, nicht ohne vorher auf dem Staffel ein wenig von dem Regenschauer mitbekommen zu haben, der eine Stunde zuvor überflüssiger Weise niederging. Am Nachmittag gabs, wie gesagt, ein unleidliches Gewitter mit Platzregen. Der Festzug konnte daher erst um 5 Uhr den Weg zum Seewasem nehmen. Die Teilnahme am Zug war nichtsdestoweniger recht lebhaft. Allein über 100 Ehrendamen zierten ihn. Auf dem Seewasem hatte es infolge des Regenwetters recht sumpfige Stellen gegeben und die Wirtszelte wiesen arge Lücken auf, überhaupt ließ die Stimmung zu wünschen übrig. Der Juxplatz war mager beschickt. Nur Krämers Karoussell und „Deutschlands berühmteste Gladiatoren“, außerdem einige Mordgeschichten und die üblichen Spielbuden, alles in allem also ziemlich wenig für Leute, die den Trubel lieben. Um 10 Uhr gabs Feierabend und im Zuge gings heim. Dem Stadtoberhaupt weihte man dann noch eine Serenade. Das ist ja wohl so Sitte. Für heute genug. Der erste Tag hatte mich müde gemacht, er war etwas sehr lang.

Herzliche Grüße!
Dein ***


V.

16. August, abends.

Mein lieber Freund!

Heute früh war ich auf der Hasenhardt, dem Frühstücksplatze des zweiten Grenzgangsmorgens. Außer mir waren vielleicht noch 1200 Menschen zur Stelle. Der Grenzzug, der kurz vor 7 Uhr am Marktplatze abmarschiert war, traf schon vor 9 Uhr dort ein. Und dann entwickelte sich ein großartiges Leben und Treiben, ganz wie am Tage zuvor. Das Wetter war nach Wunsch, wenn auch nicht so sonnig wie auf dem Thälchens-Triesch. Nachdem es zum Aufbruch geblasen, setzte wieder ein kräftiger Tusch ein, glücklicherweise nur von kurzer Dauer. Viele Leute traf er gerade auf dem Rückweg zur Stadt, auch der Grenzzug bekam sein Teil ab. Am Nachmittag bot der Seewasem ein freundlicheres und lebhafteres Bild. Die Sonne strahlte vom Himmel und groß war die Schar der Leute, die hinauspilgerten und sich in den Zelten gütlich taten. Heute wie gestern hatte man auch für günstige und wohlfeile Fahrgelegenheit gesorgt. Gleichwie beim großen landwirtschaftlichen Fest 1906 stellten geräumige Omnibusse die Verbindung zwischen Stadt und Festplatz her. Und gar mancher mag das Fahrgeld von 20 Pfg. daran gehängt haben, um mühelos den Festplatz zu erreichen oder ohne Anstrengung heimzukommen. Auch heute war um 10 Uhr Schluß. Altem Brauche folgend bekam der Männeroberst sein Ständchen. Er hat es redlich verdient, denn seine Anstrengungen waren nicht geringe. Bete um gutes Wetter für das „hiwelige Triesch“. Der Herr Regierungspräsident und unser alter lieber Herr Landrat sind heute Abend hier eingetroffen, sie wollen sich den morgigen „Hauptschlager“ ansehen. Also bis morgen. Gruß und Prosit!

Dein ***


VI.

Sonntag, 18. Aug.

Mon cher!

So, das Grenzgangsfest 1907 wäre überstanden. Mit Sonnenschein hats begonnen, mit Regen hats geendet. Auf dem „hiweligen“ wars gestern recht, recht naß. Die Aufstellung des Festzugs ging noch tadellos von statten, ebenso der Weg zum Frühstücksplatz. Aber, aber! Anfänglich mochte man nur von Nebel, höchstens von einem kleinen Sprühregen reden, allmählich aber entwickelte sich daraus ein regelrechter „Nassauer“, der nur zeitweise und für wenige Minuten stockte. Die Buchen boten zwar zunächst einigen Schutz gegen die Unbilden des Wetters, später aber hielten sie auch nicht mehr Stand und man wurde eben naß, teilweise recht naß. Aber das tat der historischen Gemütlichkeit keinen Abtrag, fast möchte man vielmehr behaupten, daß es grade deshalb um so lebhafter war. Hoch und hoch erscholl es allenthalben und des Huppchens und Fahnenschwenkens war kein Ende. Hunger und Durst waren groß und alle Mundvorräte binnen kurzer Frist vergriffen. Allüberall Freibier, nur in der „neutralen Wirtschaft“ konnte man sein Geld los werden, eine neue Einrichtung, die sich vortrefflich bewährt hat. Wie gesagt, ein köstlicher Humor machte sich breit und er fand in verschiedenen „Guckkasten“ seinen Höhepunkt. Schade, daß die Festleitung dem Herrn Regierungspräsidenten und dem Herrn Landrat v. Heimburg zu Liebe kein freundlicheres Wetter bieten konnte. Unter strömendem Regen mußte ihnen der Grenzstein gezeigt werden, an dem der Bürgermeister beide Herren herzlich begrüßte und ihnen ein Hoch ausbrachte. Vielfach durchnäßt kehrte der größere Teil der Frühstücksgäste gegen 1 Uhr in die Stadt zurück, während die Gesellschaften mit den Fahnen erst gegen 2½ Uhr einrückten, kreuzfidel natürlich. Am Grenzstein unterhalb der Erlenmühle hatte der Männeroberst seine programmäßige Ansprache gehalten und in lokalpatriotischer Weise des nun zu Ende gehenden Festes gedacht. Sein Hoch galt der Stadt Biedenkopf. Gestern Nachmittag war wiederum der Seewasem das Ziel vieler Menschen, die sich beim guten Trunk gemütlich zusammenfanden und die Ereignisse der Festtage besprachen. Die Jugend aber huldigte dem Tanze. Wer weiß, was Gott Amor wieder alles angerichtet hat!

Heute reisen schon viele Grenzgangsgäste wieder ab, morgen werden die Fahnen eingezogen, die welkenden Guirlanden beseitigt und der Alltag tritt in seine Rechte. „Nichts ist schwerer zu ertragen, als eine Reihe von guten Tagen!“ Wer sollte die Wahrheit dieses Satzes heute nicht bestätigen wollen!? Aber herrlich waren sie, die hinter uns liegenden Tage, wer macht uns Biedenköpfer ein solches Fest nach? Mancherlei hätte ich Dir noch zu erzählen, aber über das große Ganze vergißt man Einzelheiten, die oft so überaus lustiger Art waren. Sobald ich eine gelungene photographische Aufnahme haben kann, sollst Du sie bekommen. Vielleicht von dem Zwerg-Wettläufer, der den großen nachzueifern sich bemühte, vielleicht von dem Mäuseturm mit dem Ritter von der traurigen Gestalt. Möglicherweise haben die Thauwinkler ihre zerbrochene Fahnenstange photographieren lassen, oder die Hospitäler sorgten dafür, daß ihre Gruppe mit den einheitlichen grünen Strohhüten im Bild festgehalten wurde. Wenns geht, mache ich mal eine Statistik auf über die verkonsumierten Eßwaren und das vertilgte Bier. Zur ersten Kartoffelbratpartie aber erwarte ich Dich bestimmt. Tausend Grüße aus der Heimat. In alter Treue

Dein ***